Georg Knill: Wir haben noch viel vor

Spürbare Belebung in der steirischen Industrie nicht vor Jahresende zu erwarten. Öffnen von Grenzen hätte direkten Impact auf Beschäftigung. Zuversicht geben Investitionen der letzten Jahre. Wie eine Umfrage der IV-Steiermark zeigt, entwickelt sich die Industriekonjunktur im Jahr 2020 in mehreren Phasen

Die Krise hat die Industrie mit voller Wucht getroffen, wenngleich derzeit in einigen Betrieben noch Aufträge aus dem ersten Quartal abgearbeitet werden können. Das Bild verändert sich in den kommenden Monaten jedoch merklich. Coronabedingt ausbleibende neue Auftragseingänge fehlen in den heimischen Produktionen - dementsprechend reduziert sich die Auslastung über den Sommer. Mit der Zuversicht auf eine zunehmende Öffnung und Stabilisierung der internationalen Märkte, steigt auch die Erwartung auf eine höhere Produktionsauslastung gegen Jahresende.

Aktuell ist die Situation der Unternehmen sehr unterschiedlich. 14 Prozent der Betriebe sind nur zur Hälfte oder sogar weniger ausgelastet, gleichzeitig können 27 Prozent ihre Planzahlen nahezu einhalten. Diese beiden Extrempole beginnen sich im weiteren Verlauf des Jahres anzunähern. Zu erwarten ist, dass sich die Auslastung bei rund 80 Prozent einpendeln wird.“, schildert Gernot Pagger, Geschäftsführer der IV-Steiermark die derzeitige Situation.

Für IV-Steiermark Präsident Georg Knill ist klar, dass in Anbetracht dieser Einschätzung eine Verlängerung der Corona-Kurzarbeit über den September hinaus unerlässlich ist. „Bei einer prognostizierten Unterauslastung von 20 Prozent müssen wir rasch wissen, auf welchen arbeitsmarktpolitischen Rahmen wir uns im Herbst einzustellen haben. Nur so können wir gewährleisten, dass die bisherigen Anstrengungen, die Mitarbeiterzahlen stabil zu halten, nicht vergebens waren“.

Aufschwung nur bei steigender Nachfrage
Waren es vor vier Wochen noch Lieferketten und die Verfügbarkeit von Tagespendlern, so wird nunmehr die ausbleibende Nachfrage als primärer limitierender Faktor für die Produktion eingeschätzt: Bei 78 Prozent der befragten Unternehmen stellt die globale Marktentwicklung das derzeit größte Produktionshemmnis dar.

Grenzöffnung reduziert potenziell Kurzarbeit
Einen wesentlichen Hebel sehen die Umfrageteilnehmer in der Wiederherstellung der Reisefreiheit im Zuge von Dienstreisen. „Wenn Vertriebsmitarbeiter, Servicetechniker und Monteure wieder international mobil sein können, wird sich das in einer höheren Auslastung der Produktion in der Steiermark bemerkbar machen“, so Pagger. Die Befragten geben an, dass sich die Zahl ihrer Mitarbeiter in Kurzarbeit um ein Viertel reduzieren wird, wenn die Grenzen innerhalb Europas wieder geöffnet sind. Ungleich stärker wäre der Effekt einer Wiederherstellung einer globalen Reisemöglichkeit. „Die Öffnung der Grenzen ist sensibel, das ist uns sehr bewusst. Wir müssen aber zwischen touristischen Grenzübertritten und Geschäftsreisen unterscheiden. Geschäftsreisen sind die wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren der Industrie und damit für die Absicherung von Arbeitsplätzen in der Steiermark“, streicht Knill hervor.

Kreditversicherungen: Lösung überfällig
Ein weiterer erschwerender Faktor ist die Reduktion von Limits durch Kreditversicherer bei der Abwicklung internationaler Aufträge. Ein Drittel der Unternehmen meldet hier spürbare Einschränkungen in der laufenden Geschäftsabwicklung. Eine Lösung für diese Situation, wie sie in Deutschland bereits geschaffen wurde, ist in Österreich aus Sicht der IV-Steiermark überfällig.

Möglichkeiten auch auf Landesebene
Unterstützungsmöglichkeiten auf Landeseben sieht man bei den von der IV-Steiermark befragten Betrieben vor allem in der raschen Abwicklung von Verfahren bei Bau- und Anlagegenehmigungen. Derzeit sieht jedes sechste Unternehmen in behördlichen Auflagen und verzögerten Verfahren einen Hinderungsgrund für das Wiederhochfahren der Wirtschaft.

Investitionen der vergangenen Jahre als gute Basis
Der Weg zurück wird lange und von vielen Rückschlägen geprägt sein. Spürbare Erholung ist wohl frühestens zum Jahreswechsel in Sicht“, so Knill. Dennoch sieht er die Steiermark gut für die kommenden Herausforderungen gerüstet. Beleg dafür sind aktuelle Zahlen zu den steirischen Industrieinvestitionen 2019. Die Investitionstätigkeit ist um weitere 2,2 Prozent im Vergleich zum Jahr 2018, dem bisherigen All-Time-High, gestiegen. Industrieunternehmen haben in der Steiermark somit in den letzten vier Jahren Bruttoanlageinvestitionen in der Höhe 13,8 Milliarden Euro getätigt.

„Diese Investitionen stärken unseren Standort und bringen uns einen wesentlichen Startvorteil für die Zeit während und nach Corona. Die steirische Industrie zeigt einmal mehr, dass sie neue Technologien und damit die Zukunft aktiv gestalten möchte. Wir haben in der Steiermark jedenfalls noch viel vor“, zeigt sich Knill optimistisch.

Befragung: Umfragezeitraum 8.-13. Mai 2020, Rückmeldung von 84 steirischen Industriebetrieben
Investitionsdaten aus „Investitionen der steirischen Industrie - Effekte auf den Wirtschaftsstandort Steiermark“, JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH POLICIES - Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung; im Auftrag der Industriellenvereinigung Steiermark

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