IV-Steiermark-News

Unsere inneren Gewissheiten finden und danach handeln

Auszug aus der Rede von Stefan Stolitzka anlässlich des Festaktes 75 Jahre Industriellenvereinigung am 06. Juli 2022 in Graz.

Es gilt das gesprochene Wort.

Die Situation: Über die Unsicherheit.

Ich habe über die letzten zehn Jahre zahllose Diskussionen mit meiner Tochter Stefanie über unsere Zukunft gehabt. Ich meine jetzt nicht ihre und meine persönliche Zukunft, ich rede von der Zukunft der Menschheit, der Umwelt, des Klimas, des Planeten. Wir haben nach Lösungen gesucht, umsetzbar in unserem Unternehmen.  Meine Tochter gehört einer sehr engagierten Generation an, die mit einer großen Unsicherheit leben muss, bei all dem was da schon ist und auf uns zukommt. Diese Reaktion ist menschlich auch verständlich, wenn man sich ansieht, was sich gerade an unvergleichbaren Krisen auf unserer Welt ereignet, noch dazu alle gleichzeitig:

 Die Herausforderungen

 – Natürlich die Pandemie.
Sie hat unsere Gesellschaft gespalten und viele Menschen in eine sozial, finanziell und auch psychisch prekäre Lage gebracht. Wir wissen heute, wir befinden uns bei weitem nicht am Ende dieser Krise. Die Pandemie hat sich in unserer Wahrnehmung vor die eine grundlegende Krise geschoben, die sich mit jedem Augenblick verdichtet,

 – Die Klimakrise.
Wir alle wissen, was los ist mit unserem Planeten und ich erspare Ihnen die Details. Sie sind allgemein bekannt. Das Bild hinter mir zeigt den Anstieg der Durchschnitts-Temperatur im Verlauf der letzten Jahrzehnte in Österreich. Irgendwann am Ende der Skala, und der Zeitpunkt rückt näher und näher, wird es sehr ungemütlich für uns Menschen auf diesem Planeten. Wenn so weitergemacht wird. Und unsere Industrie, wir, wissen genau, dass noch viel rascher als bisher zu handeln ist. Übrigens wir alle lieben unsere Familien, Kinder und Kindeskinder, einfach unser Leben.... Aber diese Perspektiven verunsichern natürlich enorm und verführen zu massiven Schuldzuweisungen. Die niemandem helfen. Meine Damen und Herren, wir erleben mit der Pandemie eine hoffentlich trotzdem nur mittelfristige Krise. Mit der Klimasituation haben wir allerdings DIE AGENDA für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Und als ob das nicht reichen würde, ist eine bis 23. Februar noch unfassbar scheinende dazu gekommen:

 – Der Krieg in Europa
Mit dem Angriffskrieg Putins sind alle Masken gefallen, auch die Chinas. Die Weltordnung, in der wir uns weitgehend sicher fühlten, existiert nicht mehr. Auf einen Schlag. Totale globale Unsicherheit, besonders in Europa. In einer noch viel umfassenderen Dimension als nach der Pandemie angenommen, wird nichts mehr sein wie zuvor. Die Neuordnung wird Jahre andauern. Ohnmacht, Verzweiflung und Angst prägen die Menschen um uns mehr denn je. Kann es noch Frieden geben? Explodierende Preise, massive Geldentwertung, keine Hoffnung? Gibt es für mich, meine Familie überhaupt noch eine Zukunft, fragen sich viele. Unsicherheit, wohin man blickt.

 Die Veränderung beginnen: Von der Unsicherheit zur Sicherheit.
In Zeiten, in denen die Unsicherheit um uns herum immer größer wird, muss man sich auf die Dinge besinnen, die trotz allem sicher sind. Auf die Dinge, auf die wir uns verlassen können. Das sind unsere inneren Gewissheiten.

 Und diese Gewissheiten sind: 

•     Wir können Auswege aus dieser Lage finden.

•     Wir haben die Fähigkeiten, die Widerstandskraft, die Fantasie und die Intelligenz.

•     Wir haben das in der Vergangenheit immer und immer wieder bewiesen. 

Wir schöpfen aus unserer Tradition, aus tiefem Wissen und erfinden uns dabei immer wieder vollkommen neu. Das ist definitiv für die Steiermark eine innere Gewissheit, auf die wir uns verlassen können, bei aller Unsicherheit, bei allem Fatalismus um uns herum: Wir können die Situation zum Besseren wenden. Wir haben das als Gesellschaft immer und immer wieder bewiesen. Lassen Sie uns das nicht vergessen.

 Die Rolle unserer Industrie.
Unsere Industrie war immer schon Teil der Lösung. Und das ist sie auch jetzt. Wir haben uns immer schon um die Probleme der Menschen gekümmert und diese gelöst. Daraus entstehen mit großer Sorgfalt unsere Produkte. Und wenn sich im Laufe der Jahrzehnte die Anforderungen geändert haben, dann hat auch unsere Industrie ihre Antworten und Methoden geändert. Es liegt einfach in unserer Natur, NEU ZU DENKEN. ABER!... es gibt ein paar Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit wir eine Veränderung zum Guten wahrhaftig bewirken können:

 Was sind die Grundlagen fürs Gelingen?
Erstens Demokratie und Freiheit. Sie sind die Grundlage, die unser Handeln erst möglich machen. Sie sind bei weitem nicht selbstverständlich. Wie wir gerade eindrücklich sehen, muss sie jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

 Dann brauchen wir zweitens die entsprechende Einstellung der Menschen.
Die innere Haltung, dass eben nicht alles wurscht ist, sondern, dass wir die Veränderung wollen und können. Und dass wir es tun werden, jeder bei sich beginnend. Was es aber noch dazu unbedingt braucht, das sage ich jetzt aus voller Überzeugung, was es unbedingt braucht ist Solidarität mit denen, die es nicht so leicht haben in unserer Gesellschaft, nun werden es immer mehr. Es gilt einfach alle mitzunehmen, mehr denn je.

 Außerdem braucht es, und da sehe ich die Politikerinnen und Politiker im Raum an, und ganz besonders nach Wien gerichtet, es braucht drittens Mut zur Wahrheit und zur Klarheit und das entsprechende Handeln. Das Setzen von klugen Rahmenbedingungen, wir warten darauf, verantwortungsvoll, weitsichtig, rasch, richtig und konsequent, und bitte ideologiefrei. Der beispiellosen Situation ins Auge blickend lassen sie mich auf ein konkretes Thema hinweisen: Wir als steirische Industrie, als österreichische Industrie lieben Wettbewerb, wir stellen uns diesem immer schon, global, in jeder Beziehung. Nur an einem Punkt könnten wir scheitern.

Wenn die Energieversorgung und –kosten nicht mehr planbar wären. Nachdem wir bereits am höchsten Niveau der Energieeffizienz weltweit arbeiten, können wir diese Kostendifferenzen nicht mehr einspielen, das muss einfach klar sein. Da ohne Energie nichts mehr läuft benötigen wir dringendst einen durchdachten Plan und sofortiges Handeln, wie unsere Energieversorgung von heute bis 2028 oder 2029 gesichert werden kann. Unsere Industrie versucht so weit wie möglich selbst vorzusorgen, rascher umzustellen und vieles mehr. Nur das wird bei weitem nicht reichen können.  Ohne Energie gäbe es kein Leben und sie ist natürlich auch Grundvoraussetzung dafür, dass wir eine Veränderung zum Guten schaffen werden:

 Die Lösung: Neu denken war immer schon unser Prinzip.
Eine weitere wesentliche Grundvoraussetzung ist eine leistungsfähige Industrie. Und die haben wir! Denn wer macht`s möglich? Nennen wir dieses Faktum endlich alle und öffentlich beim Namen. Forschung, Innovation, Entwicklung und Produktion erschafft unsere Industrie im kongenialen Austausch mit der Wissenschaft. Die beiden ermöglichen im Zusammenspiel, Neues zu denken. Und das Neue zu machen. Vollkommen offen, ja radikal neu denken. Das ist die Grundlage für geniale Lösungen. Diese großen Errungenschaften der letzten Jahre sind unter anderem Schlüssel zur Bewältigung der Klimakrise. Wer sonst könnte das entwickeln und fertigen? Es ist kein Wunder, dass unsere Industrie in der Steiermark diese Disziplinen zur Höchstform ausgebildet hat, wie kaum ein anderes Land. Gerade auch im Hinblick auf die Lösung der Klimakrise und aller entscheidenden Themen für ein zukünftig gutes Leben. Eine weitere innere Gewissheit ist der Erfolg unserer Forschung und Entwicklung. Sie ist auf höchstem Weltniveau. Die nächste innere Gewissheit ist, dass wir die im weltweiten Vergleich mit Abstand am energieeffizientesten und wettbewerbsfähigsten Produkte mit geringstem CO2 Ausstoß herstellen. Diese wurden und werden in der Steiermark erdacht. NEU GEDACHT. Schon heute tragen diese Technologien durch ihren weltweiten Einsatz zur Reduktion von 700 Megatonnen CO 2 bei - jedes Jahr, soviel wie Deutschland ausstößt.

 Zusammenfassend: Demokratie und Freiheit als Basis, begeisterungsfähige junge Menschen, eine unglaubliche Wissensballung, alles in der Steiermark vereint, ergibt mit der Wirtschaft, unserer Industrie zusammen ein breites, hoch resilientes Fundament, eine Gewissheit.  Das ist Anlass für große Zuversicht, die unvergleichlichen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam, rasch und substanziell zu meistern. Das ist absolut unsere Zielsetzung. Für die und mit den Menschen in der Steiermark und von der Steiermark in die ganze Welt hinaus. Aber es geht nur gemeinsam.

 Die öffentliche Wahrnehmung.
Nun, wie ist die öffentliche Wahrnehmung dazu? Sehen die Menschen eine Zusammenarbeit der einzelnen entscheidenden Ebenen? Ich befürchte nein. Weshalb ist das so? Denn eigentlich könnten unsere Politikerinnen und Politiker gerade jetzt über unsere starke Industrie wenigstens glücklich sein. Schließlich kommen wir, das ist doch hoffentlich keine Frage, nur durch umfassendes gemeinsames Wirken sicher ans Ziel. Das was ich Ihnen nun sage hat Bundesminister Robert Habeck anlässlich der Vollversammlung des BDI der Industrie von sich aus angeboten: Lasst uns viel enger, frei von parteipolitischen Agenden zusammenarbeiten, sie haben ja die Lösungen. Wir brauchen sie dazu, unbedingt. Er sagt das auch öffentlich

 Weshalb scheint das bei uns vollkommen anders zu sein? Tatsächlich sind unsere Leistungen schon im Morgen. Sie hier wissen das, aber die Wahrnehmung draußen ist noch im Gestern. Wir haben immer schon neu gedacht. Aber kaum jemand scheint das zu wissen.

 Ändern wir das. Hier bei uns in der Steiermark entstehen die weltweit besten Produkte im Einklang mit Klima, Umwelt, Natur und Mensch. Sie alle kennen die Beispiele. Die Unternehmen. Und die Menschen dahinter. Aber die Menschen da draußen, die kennen das noch nicht.

 Ändern wir das. Laden wir die Menschen ein, die Industrie NEU kennenzulernen. Über die Industrie NEU zu denken. Auf sie richtig stolz sein zu können. Dazu brauchen wir umfassende Öffentlichkeitsarbeit, die die Realität anspricht. Und die Mut zeigt. Mut, weil wir die Vorbehalte ansprechen, denen wir – wir als Industrie – ausgesetzt sind. Mut, weil wir aufzeigen, dass wir tagtäglich daran arbeiten zwischen diesen Ambivalenzen zu navigieren. Indem wir neue Lösungen entwickeln. Lösungen, die Dinge wieder …in Balance bringen. Darum geht es doch, um Balance für das Klima, für die Umwelt, für die Menschen und unsere Unternehmen. Lösungen, die der Arbeit einen Sinn geben. Und wie entstehen diese Lösungen? In dem wir tun, was wir schon immer tun. In dem wir immer NEU DENKEN.

 Was wir jetzt brauchen, ist, dass wir alle, wie wir hier sitzen, noch viel NÄHER ZUSAMMEN-RÜCKEN und zusammenkommen. Das Gemeinsame müssen die Politik, die Sozialpartner und unsere Industrie bilden. Lasst uns ohne Vorurteile und ideologisches Gepäck im Rucksack gemeinsam auf das konzentrieren, was unserem Land jetzt hilft, die gewaltigen Probleme löst und uns alle gemeinsam weiterbringt. Sagen wir das auch alle! unserer Bevölkerung, dass wir nun gemeinsam handeln, dass Sie darauf vertrauen kann! Das sollten wir unbedingt tun! Denn, gibt es eine Alternative?